Geschichte(n) rund um den Karpfen – 1950 –

Geschichte(n) rund um den Karpfen –mainkarpfen.de –
DER KARPFEN – Richard Gerlach – 1950
Von allen Fischen sind die Karpfen am meisten zu Haustieren geworden. Trotzdem ist es nicht so, dass sie bei uns ohne die Fürsorge des Menschen aussterben müssten. In Norddeutschland pflanzen sie sich hauptsächlich in den Teichwirtschaften fort. Man setzt sie nicht gern in Seen und Flüsse ein, weil sie dort nur schwer wieder zu fangen sind und die Brassen zurückdrängen, die dem Fischer in natürlichen Gewässern leichter ins Netz gehen. In Süddeutschland pflanzen sich die Karpfen auch ohne die Hege des Menschen fort. So gibt es in Altwässern der Donau Wildkarpfen, die nicht aus Zuchtteichen entnommen sind. An diesem und jenem Weiher angelt man mit einer gekochten Kartoffel am Haken Karpfen.
Wenn es im Mai warm wird, bespannt der Teichwirt seinen Streichteich: er setzt inmitten einer sonnigen Wiese einen kleinen Teich, der trocken gelegen hat, unter Wasser. Ein Gitter hindert die Frösche, hinein zu springen und in dem frisch zulaufenden Wasser gibt es noch keine auf Fischbrut gierigen Larven von Libellen und Gelbbrandkäfern. Um eine gleichmäßige Temperatur zu bekommen, lässt man zuerst das Wasser eine Weile in kleinen Teichen vorwärmen und dann von dort in drei oder vier Streichteiche weiterrieseln. Wenn das Wasser eine Woche lang im Streichteich gestanden hat, wird ein Weibchen, das mindestens sechs Sommer alt ist, hineingesetzt. Wenn die Karpfen „streichen“, das heißt laichen sollen, muss das Wasser schon wärmer als sechzehn Grad Celsius sein. Ein Weibchen setzt je nach Größe 60.000 bis 750.000 Eier ab. Man nimmt zwei Männchen, um sicher zu sein, dass die Eier auch befruchtet werden. Lässt man drei oder vier Weibchen, je mit zwei Männchen in den Teich, so erhält man zahlreichen Karpfennachwuchs. Die Männchen folgen den Weibchen in den warmen Mainächten mit viel Geplansche. Jedesmal, wenn ein Weibchen einen Strahl Eier ins Wasser presst, spritzt ein Männchen seine Milch darüber. Die blassgelben, senfkorngroßen Eier kleben an Uferpflanzen oder Grashalmen fest. Nun kann sie die Sonne bescheinen. Wenn das Wetter hell und warm ist, reifen sie bald. Schon nach zwei Tagen sind in ihnen die beiden Augenpunkte zu erkennen. Nach vier bis sieben Tagen schlüpfen die Jungen. Ihr Kopf steht nach unten, die Bauchflossen fehlen noch, und die Brustflossen vibrieren ein wenig. Die Fischchen kommen nur schlängelnd und mühsam voran. Erst wenn sie nach einigen Tagen an der Oberfläche Luft geschnappt und mit ihr die Schwimmblase gefüllt haben, schwimmen die ohne Anstrengung. Ein paar Tage später haben die den Inhalt der kleinen Dotterblase aufgezehrt. Nun senkt der Züchter den Spiegel des Teiches, aus dem die alten Karpfen gleich nach dem Laichen wieder heraus gefangen wurden. Wenn sie darin bleiben, würden sie dir Brut verzehren. Die Jungen werden bald in die sogenannten Vorstreckteiche gesetzt. Das sind ein bis zwei Morgen große Teiche, die nicht das ganze Jahr über unter Wasser stehen, sondern in denen im Frühling das Gras sprießt. Läuft nun das Wasser darüber, so bilden sich millionenweise Infusorien und andere kleine Lebewesen, die den jungen Karpfen zur Nahrung dienen. Sind diese drei oder vier Zentimeter lang, so kommen sie in die zwei bis fünf Hektar große Brutstreckteiche. Im Juli oder August beginnt die Fütterung mit gemahlenen oder geschroteten Körnern. Der in den Teich geschüttete Schweinemist ruft eine Flora von Bakterien und Algen hervor und der Geruch lockt Mücken herbei, die nun ihre Eier ablegen. Die jungen Karpfen sollen sich ernähren, wie sie es täten, wenn der Mensch sich nicht um sie kümmerte.
Im Herbst sorgt der Teichwirt dafür, dass die Karpfen gut durch den Winter kommen. Die beste Art der Überwinterung hat Wilhelm Wunder in der Allgemeinen Fischerei-Zeitung (1947) so geschildert: Die jungen Karpfen nehmen auch im Winter Nahrung auf. Sie müssen in der kalten Jahreszeit noch etwas finden können. Die Teiche müssen so tief sein, dass auf ihrem Grund eine Temperatur von ungefähr vier Grad Celsius herrscht und die Eisdecke die Fische nicht in den Schlamm drückt. Bleibt das Wasser zu warm, so bleiben die Karpfen nicht ruhig, sondern schwimmen umher, und weil es nicht genug Fressbares gibt, magern sie ab. Ist es aber kalt genug, so stellen sie sich schräg nach unten und stützen den Kopf auf. In dieser Stellung verbrauchen sie am wenigsten Kraft. Die Schwimmblase hält sie halb in der Schwebe. Dicht beisammen atmen sie langsam. Alle Köpfe sind dem Zustrom des Wassers entgegen gerichtet. Sie berühren sich nicht gegenseitig. Wenn die Temperatur sich nicht ändert, behalten sie die einmal eingenommene Stellung den ganzen Winter über bei. Sie verlieren in der langen Fastenzeit nur ein Hundertstel ihres Gewichtes. Selbst ein russischer Winter macht ihnen nichts aus. Ist es aber bald kalt, bald warm, so schwimmen sie immer wieder umher und verbrauchen Kräfte, die sie durch Fressen nicht ersetzen können. Dann haben sie im Frühjahr einen spitzen Rücken.
Man wiegt einsömmrige Karpfen, bevor man sie im Mai in die Streckteiche setzt. Das Durchschnittsgewicht in diesem Alter ist fünfzig Gramm. Wenn der zweite Lebenssommer zu Ende geht, soll es auf 450 g angewachsen sein, nach dem dritten auf zwei bis 3 Pfund und nach dem vierten auf vier bis fünf Pfund. In nasskalten Sommern fressen die Karpfen weniger und bleiben kleiner. In größeren Seen werden zuweilen Karpfen von vierzig Pfund gefangen. Im Jahre 1929 befand sich im Berliner Aquarium ein Karpfen, der 97 cm lang war und 41 Pfund wog. So schwere Karpfen können vierzig Jahre alt und älter sein. Aber in der Teichwirtschaft strebt man diese Gewichte nicht an.
Die größeren Karpfen fressen vor allem am Grunde die roten Zuckmückenlarven, Büschelmückenlarven, Bartmückenlarven und den Schlammröhrenwurm. Die kleineren Karpfen stellen mehr den im Wasser schwebenden Krustern nach. Der Tastsinn führt die Karpfen zu ihren Nährtieren hin, sie nehmen ein Maul voll Schlamm, schmecken ihn durch und spülen das Unverdauliche wieder hinaus. Aus den Pflanzenstengeln beißen sie Stücke, an denen Zuckmückenlarven sind. Auch bei größeren Karpfen ist die Maulöffnung so eng, dass höchstens Brocken von Walnussgröße hindurchgehe. Wenn das Karpfenmaul sich ganz öffnet, wird es zu einem kreisförmig vorgestülpten Rüssel; er besteht aus Knorpeln und kann sich an den Teichgrund eindrücken. Die vier Barteln und die Lippen schmecken, was ins Maul eingesogen wird. So nehmen die Karpfen auch die Molusken und die Uferkrustazeen auf. Beim Atmen öffnet und schließt sich der Mund wie ein feueranfachender Blasbalg.
Einer hinter dem anderen ziehen die Karpfen ruhig dahin. Doch manchmal kehren sie jäh um und werfen sich auf die Seite. So kriechen sie auch unter den Netzen durch, wenn sie „umzingelt“ sind. Andere springen über den oberen Netzrand. In Kurt Smolians Merkbuch der Binnenfischerei (Berlin 1920) heißt es vom Karpfen: „In Wildwassern meist sehr schwer, oft gar nicht zu fangen, geht selten in Reusen und weiß den Netzen zu entgehen. Daher ist der Besatz von Wildgewässern mit Karpfen allermeist nicht zu empfehlen“.
Wo man in Gartenteichen die Karpfen füttert, legen sie bald ihr scheues Wesen ab, schwimmen bettelnd unter der Oberfläche, lassen sich auch durch Klingeln herbeirufen und schlucken die ihnen zugeworfenen Bissen. In Rotten kreuzen sie auf, plätschern dahin und schnappen schmatzend. Doch sind sie bei aller Vertraulichkeit immer noch argwöhnisch und wenn einer zur Seite schnellt, erschrecken alle und flüchten. Beim Dröhnen harter Schritte stieben sie in die Tiefe. Sie treiben sich mit den großen Brustflossen und der zweilappigen Schwanzflosse vorwärts. Die lange Rückenflosse ist meistens nach hinten zurück gelegt. Auch in sauerstoffarmen, verschlammten Weihern fühlen sich die Karpfen noch wohl; nur kommen sie dann öfter an die Oberfläche. Der Grund muss weich sein, Lehm oder Löß, aber kein Fels. Das sommerwarme Wasser vertragen sie gut. Von dem gewöhnlichen Schuppenkarpfen unterscheidet man den Lederkarpfen, der nur wenige kleine Schuppen hat. Der Spiegelkarpfen hat drei Reihen von großen Schuppen. In der Körperform haben sich durch Züchtung Verschiedenheiten herausgebildet. Die Galizier sind Spiegelkarpfen, bei denen die Rückenlinie in einem gleichmäßigen Bogen verläuft. Die Wittingauer oder böhmischen Karpfen sind etwas gestreckter und meistens Lederkarpfen. Ähnliche Proportionen haben die vollständig beschuppten Lausitzer Karpfen. Die wenig kürzeren fränkischen Karpfen können Spiegel- oder Lederkarpfen sein. Die Aischgründer Karpfen sind die gedrungensten von allen. Die Lokalformen sind vielfach gekreuzt und ihr Ursprung ist oft nicht mehr zu erkennen.
Der Karpfenzüchter lässt seine Karpfen nur bis zum zwölften oder dreizehnten Jahre zur Fortpflanzung zu. Später sind sie nicht mehr in ihrer vollen Kraft. Was die „bemoosten“ Häupter anbelangt, die ein sagenhaftes Alter haben sollen, so sind diese von dem parasitischen Pilz Saprolegnia befallen, der sich an wunden Hautstellen ansiedelt und zum Tode führt. Die „Bemoostheit“ ist eine Krankheit und kein Anzeichen der Jahre!
Nicht selten werden die Karpfen von Karpfenläusen belästigt. Diese Krebstierchen sind sechs Millimeter lang und bohren sich mit ihrem Giftstachel, der zwischen den beiden schwarzen Augen liegt, in die Haut des Fisches, sich mit den Saugnäpfen der Kieferfüße festhaltend. Ein Karpfen, der Hunderte von solchen Gästen mitschleppen muss, verkümmert. Wenn die Teiche abgelassen werden, steckt man die von Karpfenläusen befallenen Fische in ein Lysolbad und spült sie hinterher mit Wasser ab. Sie erholen sich bald. Die Karpfenlaus kann drei Wochen lang ohne Wirt im Wasser existieren und hält sich dann im Seichten dicht über dem Boden auf. Wenn ein Fisch sie zu schnappen sucht, stürzt sie sich auf ihn. Um die Schädlinge zu vernichten, legt man die Karpfenteiche im Winter trocken. So werden auch viele fischbrutfeindliche Insekten und Insektenlarven ausgemerzt. Durch das Austrocknen werden Fischkrankheiten vermieden und die Kalkung des Grundes tut ein Übriges. Der Frost lässt die Bodenmineralien verwittern und die Pflanzen können im nächsten Jahre üppig wachsen. In einem natürlichen Teich sind solche Eingriffe nicht notwendig; dort stellt sich das Gleichgewicht von selbst her. Wo die Fische sich übermäßig vermehren wie in den Zuchtteichen, muss der Mensch die Schädigungen ausschalten. Im Freien dürfen die Hunderttausende von Nachkommen, die ein Karpfenweibchen alljährlich ins Leben ruft, nur zum geringsten Teil aufkommen, sonst bliebe für die anderen Arten kein Platz. Die Fischreiher und Eisvögel, die Wasserspitzmäuse und Fischhottern gleichen das Übermaß aus und wo man sie ausrottet, stellen sich Pockenkrankheit, Rotseuche, Schuppensträubungen, Knötchen-, Costien- und Chilodon-Krankheit ein. Auch diese Krankheiten kann der Fischzüchter verhüten. Er schafft seinen Fischen Bedingungen, unter denen sie ungehindert wachsen, teilt sie in Alterklassen ein und überwacht die Zunahme ihres Gewichtes. Wenn die Fische die gewünschte Größe erreicht haben, liefert er sie in die Küche.
Wie die meisten Fische schmecken auch die Karpfen am besten, wenn sie ganz frisch sind. Darum kommen sie lebend auf den Markt und werden erst im letzten Augenblick geschlachtet. Ein Karpfen, der zehn Stunden vor der Zubereitung getötet wurde, schmeckt fade, und sein Fleisch wird weichlich.
Der Karpfen wurde einst für heilkräftig gehalten. Aus den Gehörsteinen und Kauplatten, die man beide als Karpfensteine bezeichnete, stellte man ein Pulver her, von dem man behauptete, dass es das Blut stille. Auch sollte das Fieber lindern und Kindern die Fallsucht austreiben. In Wein geschüttet, half gestoßener Karpfenstein gegen die Kolik, löste auch Nierensteine auf und wenn man ihn in den Mund nahm, verging das Sodbrennen. Der mondförmige Gehörstein wurde das Amulett an einem Band um den Hals getragen. Die Augen sollten durch Karpfengalle heiter und licht werden.
Der Blick der kleinen Karpfenaugen hat einen nachdenklichen Glanz, und so dachte man wohl, ihr geheimnisvolles Leuchten könne auch einem Menschen den Star stechen.
Das Bild der still dahin gleitenden Karpfen gehört zu unseren Sommern. Wer den Schwimmern zuschaut, fühlt, wie sich ihm die Sorgen besänftigen. Langsam und unermüdlich ziehen die rundlichen Fische ihre Bahn und zuweilen streift uns ein Blick ihrer ernsthaften Augen. Manchmal aber krümmen sie sich plötzlich wie im Halbkreis zusammen und springen zwei Fuß hoch in die Luft und wenn sie in das Wasser zurückfallen, klatscht es auf.

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