Alles über Anfutter -1983-

Alles über Anfutter –DSZ Oktober 1983-
Kleine Geheimnisse aus der Futterküche / Von Peter Sauer
Kaum ein Stippangler geht heute noch ohne Futter ans Wasser. Richtiges Anfüttern ist an den meisten Gewässern der einzige Weg, die Fangaussichten und Ergebnisse etwas aufzubessern. Dennoch: Anfüttern ist nicht unumstritten. Futter, das von den Fischen nicht gefressen wird, verfault, belastet das Wasser. Exzesse, wahre Anfutterorgien bei manchen bei manchen Wettbewerben haben zu einer vernünftigen Begrenzung der Futtermenge geführt. Manche Angler schauen vollere Verachtung auf ihre schwerbepackten, mit Geräten und Eimern beladenen Zunftkollegen, bestaunen aber vielleicht insgeheim den Erfolg. Richtiges Anfüttern will gelernt sein. Die umfassende Übersicht über die gebräuchlichsten Zutaten soll dem Angler die Zusammenstellung seines optimalen Futters ermöglichen.
Ein Blick in die Kataloge oder der Gang zum nächsten Gerätehändler genügt: fast unüberschaubar ist das breitgestreute Angebot an verschiedensten Futter- und Lockmitteln, Pülverchen, Tröpfchen und Aromastoffen. Sicher – der größte Teil des Angebotes ist gut und wirklich brauchbar, wenn auch teuer. Trotzdem hat jeder Angler sein kleines Geheimnis, wenn es um „Lockmittelkompositionen“ geht, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. Die Bedingungen an unseren Gewässern sind so unterschiedlich wie die Gewässer selbst. Der Erfolg eines Anfutters hängt dabei von vielen Faktoren ab. Jahreszeit, Tageszeit, Sonneneinstrahlung, Wetter, Temperatur, Wassertiefe, Strömung, Angelmethode und nicht zuletzt auch Geschick und Erfahrung des Anglers spielen eine große Rolle. Wie in einem Kaleidoskop setzen sich diese Faktoren immer wieder neu zusammen. Und Erfolg oder Misserfolg kann von einer Kleinigkeit abhängen. Die wesentlichen Anforderungen bleiben aber immer gleich. Das Futter muss die Fische, eventuell sogar nur eine bestimmte Art, anlocken, zur Nahrungsaufnahme verleiten, am Platz halten, die Verdauung anregen, es darf nicht sättigen oder den Fischen verdächtig vorkommen oder sie gar abschrecken. Das liest sich alles noch ganz einfach, oder?
Die Grundstoffe für noch so geheimnis- und wirkungsvolle Futtermittel sind gar nicht so geheim, nur manchmal schwierig zu beschaffen. Die speziellen Eigenschaften und letztlich die Auswahl unter den verschiedenen Stoffen sind das eigentliche Geheimnis, vielleicht auch eine Frage der Erfahrung. Welche Stoffe sich als Anfuttermaterial eignen und welche Wirkung sie haben können, sind nun im Einzelnen aufgeführt.
Paniermehl
Paniermehl ist der Grundstoff fast aller Anfuttermittel. Weißbrotpaniermehl von altem, aufgebackenem Weißbrot oder von Brötchen hat eine starke Eigenwitterung, klebt gut, lässt sich gut zu Ballen formen und werfen. Nur bindet Paniermehl viel Wasser, die Futterballen können hart wie Beton werden, lösen sich nicht immer auf oder schwimmen an der Oberfläche, wenn das Futter nicht richtig durchgefeuchtet ist. Graubrotpaniermehl ist schwer zu bekommen, ist aber für die Verwendung in fließendem Wasser besser geeignet, es ist schwerer und sinkt besser. Entweder man macht sich selbst die Mühe und reibt sich auf einer Reibe die Finger wund – moderne Haushalte verfügen auch über Küchenmaschinen – oder man fragt seinen Bäcker; Gerätehändler und Mühlenbetriebe bieten Paniermehl in großen Säcken an. Es gibt – wie sollte es anders sein – auch hier Qualitätsunterschiede. Der Angler sollte nicht die Katze im Sack kaufen, ein Blick in den Sack, ein kurzes Schnuppern, eine Probe zwischen den Fingern ist meist aufschlussreich. Speziell aus Weizenmehl hergestellte Semmelbrösel sind von gleichmäßiger Qualität, aber auch in großen Mengen noch teuer.
Biskuitmehl
Biskuitmehl ist ein anderer, wichtiger Bestandteil der meisten Geheimrezepte. Keks- und Gebäckfabriken sind im Normalfall froh, Bruch oder verfallene Ware günstig verkaufen zu können. Mühlen und Gerätehändler bieten auch Biskuit an. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Biskuit ist nicht gleich Biskuit. Verlassen Sie sich auch hier auf Ihre Sinne. Biskuitmehl aus Waffelmehl mit Zitronenaroma ist unbrauchbar, auch Schokolade gehört nicht ins Futter (?). Dann haben die unterschiedlichen Gebäcksorten eigene Gerüche: Mehl aus Butterkeksen riecht anders als Mehl aus Spekulatius oder Spritzgebäck. Biskuit macht das Futter etwas lockerer, vor allem ist es die Eigensüße, die Brassen und Güstern so lieben.
Mehle
Mehle aus allen Getreide- und Körnersorten sind ein weiterer fester Bestandteil der meisten Anfutterarten. Weizenmehl aus der Küche bindet das Futter, lässt sich auch zur Herstellung von Futterwolken benutzen. Weit besser ist jedoch Reismehl, das das Futter gut zusammenhält. Reismehl lässt die Futterballen langsam sich auflösen, was besonders in der Strömung wichtig ist – Mückenlarven oder Maden werden nur allmählich freigegeben. Maismehl macht das Futter schwer und trägt zur Wolkenbildung bei. Die starke Eigenwitterung soll besonders auf Brassen wirken, aber Maismehl ist für alle Friedfischarten geeignet. Auch Maisgries lässt sich zur Herstellung von Anfutter verwenden, aber Maisgries sollte man vorher mit etwas Zucker kochen.
Speisestärke eignet sich hervorragend zum Abbinden des Futters. Wenn man das Futter dann sehr flüssig macht, lassen sich mit Stärke auch Futterwolken erzeugen, besonders beim Fischen an der Oberfläche.
Nussmehl, besser noch Mehl aus gerösteten Erdnüssen hat ein starkes Aroma, ist ölhaltig und klebt das Futter gut zusammen. Rotaugen scheinen eine Schwäche für Erdnussmehl zu haben.
Mehl aus der Pfanne oder im Backofen geröstetem Hanf ist ein fast unschlagbarer Futterbestandteil. Ölgehalt und Aroma ziehen die Fische an. Hanf wirkt auch abführend, die Fische werden permanent in Fressstimmung gehalten. Ähnlich ist auch die Wirkung von Leinsamenschrot.
Kleie
Kleie wird zum Strecken des Futters verwendet. Kleie lässt die Futterballen schnell zerfallen, die abtreibenden Kleiepartikel bieten auch einen optischen Reiz. Möglichst feine Haferflocken können zu feuchtes Futter wieder fest machen, im Stillwasser können einzelne, langsam herabsinkende Haferflocken die Fische zur Futteraufnahme verleiten. Gerstenschrot hat einen starken Wolkeneffekt, während Sojaschrot oder Sojamehl das Futter schwer machen.
Futtermittel
Futtermittel wie Fischmehl, Kälbermehl oder Schweinemehl sind preisgünstig und lassen sich wegen ihrer starken Eigenwitterung für die Anfutterherstellung verwenden.
Forellen- und Hundefutter eignen sich im gemahlenen Zustand als Fischlockmittel, riechen intensiv und machen das Futter schwer. Allerdings ist der hohe Nährwert von Nachteil, die Fische werden zu schnell satt und hören auf zu beißen.
Fruchtmehl soll auf einige Fischarten einen eigenen Reiz haben. Die abführende Wirkung spielt sicher eine größere Rolle. In der heimischen Küche findet sich noch eine Reihe von Leckereien, die den Fischen gut zu schmecken scheinen.
Kristallzucker, besser noch Puderzucker, macht das Futter schwer und süß, unwiderstehlich für fast alle Cypriniden. Geruchsintensiver ist brauner Zucker oder Rohrzucker, auch Rübenkraut, in warmem Wasser gelöst hat einen starken Effekt auf unsere schuppigen Freunde. Backzutaten wie Kokosflocken eignen sich auch zum Anfüttern, der optische Reiz ist sehr stark, auch die Witterung. Besser, allerdings schwer zu bekommen, ist Kokosmehl aus ganzen Kokosnüssen. Vertrauter sind uns aber Kartoffeln. Gekocht und zerstampft beschweren sie das Futter und haben eine besondere Wirkung auf große Fische. Auch Kartoffelflocken eignen sich zur Futterkomposition. Auch gekochte und kleingehackte Nudeln erfüllen ihren Zweck. Selbst gekochter Reis lässt sich als Futterbestandteil verwerten.
Getreidekörner
Gekochte Getreidekörner sind ein altbewährter Köder für alle Friedfischarten. Weizen und Hanf sind seit Jahren einfach fängig. Aber auch Gerste oder dicke Graupen bringen Fische an den Haken. Mais, am besten Dosenmais, kann große Fische am Platz halten. In England sind Linsen als Köder und Anfutter bekannt, auch Wicken oder Raps. Aber damit muss man erst eine Zeit experimentieren. Das gilt auch für andere Sämereien und Taubenfutter.
Bindemittel
In strömenden Gewässern ist es wichtig, das Futter schnell auf den Grund zu bekommen. Feinsand, Quarzsand und feinere Aquarienkies sind bewährte Mittel. Immer mehr Angler in der BRD machen es da den belgischen und niederländischen Kollegen nach und verwenden feingestoßenen und gesiebten Lehm, der das Futter außerordentlich schwer macht, gut klebt und das Wasser trübt, sogar dem Futter eine natürliche Farbe gibt. Auch gesiebte Erde von Maulwurfshügeln eignet sich zum Beschweren. In stehenden Gewässern kann man mit gesiebtem Torf oder mit gesiebter Walderde eine fast natürliche Trübung erzeugen, die den Fischen den Eindruck vermittelt, Artgenossen würden bei der Futtersuche den Boden aufwühlen. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl reichlich exotischer Anfutterbestandteile, zum Beispiel Copramelasse, Esskastanienmehl oder Seidenraupenkokonmehl, aber diese Produkte sind wirklich schwer zu bekommen. Leichter ist es da bei den Zutaten wie Knochenmehl oder Blut bzw. Blutmehl, was aber nicht immer erlaubt ist, da schon bei einer kleinen Verletzung an der Hand des Anglers größte Infektionsgefahr besteht. Auch die Belastung des Gewässers ist zu groß.
Taubenmist
Taubenmist hingegen ist ein vor allem in Frankreich, Belgien und Holland bewährtes Lockmittel, das sich besonders für das Angeln auf Rotaugen empfiehlt. Außerdem klebt Taubenmist gut. In Deutschland allerdings verboten!
Wenig bekannt ist hierzulande die Tatsache, dass das Grundmaterial zur Herstellung von Speiseeis zu manchen Jahreszeiten enorme Lockwirkung besitzt.
Das mag als Übersicht zunächst genügen. Es gibt sicher noch ein paar weitere Zutaten, die einigen Spezialisten bekannt sind. So soll es sogar Angler geben, die Eisenspäne unter ihr Futter mischen, um es zu beschweren. Ob das für die Mehrheit der Angler praktikabel ist, bleibt sehr zu bezweifeln! Das Problem ist jetzt nur, aus dem großen Angebot diejenigen Stoffe herauszufinden und zu kombinieren, die den Anforderungen des jeweiligen Gewässers entsprechen. Da hilft eben nur Ausprobieren, vielleicht – wahrscheinlich – findet der Angler so den Stoff, der für sein Gewässer optimal ist. Manchmal liegt die Wirksamkeit eines Anfutters gerade in der Schlichtheit der Kombination, manchmal nur in der Raffinesse der ausgewählten Zutaten. Ob nun schlichter Weizen oder eine ausgeklügelte Rezeptur, Angeltechnik und Gerätezusammenstellung spielen auch eine entscheidende Rolle, selbst gute Angler fangen mit identischem Futter unterschiedlich.

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