Gechichte(n) rund um den Karpfen -Max Piper 1967-

Geschichte(n) rund um den Karpfen –mainkarpfen.de –
Der Karpfen – Der vielseitige Angler 1967 – Max Piper
Der Vermutung oder Behauptung, dass der Karpfen in geschichtlicher Zeit aus Japan oder China in Europa eingeführt worden wäre, steht die Tatsache gegenüber, dass er schon in der Tertiärzeit die Flüsse und Seen Mitteleuropas bevölkerte. In der Eiszeit wich er nach Süden zurück, wurde aber dann vom Menschen wieder nach der alten Heimat gebracht, im Altertum bereits von Vorderasien nach Griechenland und später, hauptsächlich durch Mönche, von Italien nach Deutschland. Im Mittelalter war seine Zucht weit verbreitet und führte zur Herausbildung mehrerer „Rassen“, die sich durch Körperbau und Beschuppung voneinander unterscheiden. So gibt es hochrückige und gestreckte Formen, „Spiegelkarpfen“ mit einigen wenigen, dafür aber sehr großen Schuppen und „Lederkarpfen“ ohne alle Beschuppung. Heute ist die Zucht dieses Fisches ein bis in alle Einzelheiten bekanntes, man möchte sagen, bis zur Sicherheit eines Rechenexempels ausgebautes Verfahren, dass die wirtschaftliche Nutzung kleinster Wasserläufe und Rinnsale ermöglicht und in der Fischwirtschaft eine keineswegs geringe Rolle spielt. Vertreter aller Karpfenrassen sind im Laufe der Zeiten mit und gegen den Willen des Menschen in die Wildwasser geraten und haben sich dort in der dem Karpfen eigentümlichen ungeheuren Fruchtbarkeit vermehrt, nach wenigen Generationen aber wohl schon zur Grundform des „Wildkarpfens“ zurückgebildet. Besonders die Angelvereine haben in der Gegenwart durch Aussetzungen sehr zur Verbreitung des Karpfens beitragen und ihn auch in Gewässer eingeführt, die er von der Natur aus weniger liebt, denn er bevorzugt stehende oder doch nur langsam fließende Gewässer mit weichem Grund, die durch ständige Sonnenbestrahlung jenes reiche Kleintierleben entwickeln, von dem wiederum der Karpfen sich nährt. Auch sonst ist unser Fisch sehr wärmebedürftig; in kalten Frühjahren z.B. laicht er bei uns nicht ab, sondern zehrt seine Laichprodukte innerlich wieder auf. In den Unterläufen der großen Ströme ist er zu Hause und bekannt ist sein ungeheures Auftreten in den Röhrdickichten des rumänischen Donaudeltas mit seinen zahllosen, ständig sich verlagernden Wasserläufen. Dem Altertum galt der Karpfen mit seiner immer in die Hunderttausende gehende Zahl von Eiern als Symbol der Fruchtbarkeit; er war der Venus von Zypern geweiht und daher rührt sein lateinischer Name cyprinus, nach dem wiederum alle mit ihm artverwandten Fische Cypriniden genannt werden. Die Schnelligkeit seines Wachstums ist, wie die aller Fische, ausschließlich abhängig von der ihm zur Verfügung stehenden Nahrungsmenge und einige der älteren Angler werden sich noch eines Berichtes über einen 52pfündigen Karpfen in der Vorkriegszeitschrift „Der Angelsport“ erinnern, der nachweislich 12 Jahre alt war. Die Berichte von hundertjährigen Karpfen mit den ihnen vom alten Herrn Napoleon höchst eigenhändig durch die Nase gezogenen Ringen sind ebenso Fabeln, wie die entsprechenden von dem moosbewachsenen Hechten.
Für den Friedfischangler ist der Karpfen der interessanteste Fisch überhaupt. Einmal erreicht er häufig Gewichte von über 30 Pfund und stellt damit eine kapitale Beute dar, zum anderen bedarf es nicht geringer Kunst, Erfahrung und Geduld, um ihn an den Haken zu bekommen, und drittens leistet er im Drill einen derart zähen, verbissenen und kraftvollen Widerstand, dass er den Kampf nicht selten zu seinen Gunsten entscheidet. Wer viel auf Karpfen angelt, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass dieser Fisch nicht nur von Natur aus der klügste und vorsichtigste ist, sondern dass er auch von den im Laufe seines Lebens gesammelten Erfahrungen lernt und sie zu nutzen weiß.
Der Einwand, dass ein so großer Fisch zäh, trocken und wenig genießbar sei, sein Fang daher keineswegs einen besonderen Glücksfall bedeute, verfängt nicht. Selbst wenn es zuträfe, was ich für meinen Teil bezweifeln möchte, könnte man den Fisch im Kühlraum acht Tage abhängen lassen wie jedes andere Wildbret auch und ihn dann erst zubereiten; empfehlen wird es sich auf jeden Fall. Für den Angler spielt aber die Genießbarkeit eines Fisches wenn überhaupt, so nur eine mehr nebensächliche Rolle. Hat er Gelegenheit, mit einem so kraftvollen und gewandten Gegner wie dem Karpfen sich im Kampfe zu messen, so wird er mit beiden Händen zugreifen und auf dessen kulinarischen oder materiellen Wert pfeifen. Wer sich die Mühe macht nachzufragen, wird er mit einigem Erstaunen feststellen, dass die Zahl der leidenschaftlichen Angler, die persönlich gar keine Fische essen, überraschend hoch ist.

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