Menschen am Wasser

Menschen am Wasser
Wasser – Urquell des Lebens, geheimnisvoll und unergründlich, ewig wechselnd in Gestalt und Farbe, Segen und Unheil spendend – zieht den Menschen in einer rätselhaften Weise an.
Wir Sportfischer sind diesem Element besonders verhaftet. Verschieden aber wie das Wasser, zu dem es hinzieht als Bach und Fluss, Teich und See, Altwasser oder das große Meer, sind auch die Menschen, denen wir dort begegnen.
DEN Sportfischer als Einheitstyp gibt es nicht!
Für den Beobachter zeigen sich vielmehr zahllose reizvolle Unterscheidungsmerkmale.
Der Könner
Er geht niemals als Schneider nach Hause. Wenigstens erzählt er das bei Versammlungen und im Kameradenkreise… Der Könner hat das ideal zusammengesetzte Angelgerät, den allein richtigen und fängigen Spezialköder, der natürlich nicht verraten wird. Was aber am wichtigsten ist: Der Könner hat eine jahrzehntelange Erfahrung! – Man findet ihn selten an allgemeinen Angelplätzen. Er taucht dort höchstens flüchtig auf, führt ein wortkarges Gespräch und verschwindet dann wieder. Taucht er irgendwann wieder auf, hat er einen kapitalen Fang gemacht, nur der Himmel und St. Peter wissen, wie und wo.
Der Könner ist ein ruhiger, harmonischer und in sich abgerundeter Mensch, der nur widerwillig bei Preis- und Köderfischen aus der Allgemeinheit hervortritt, wenn er den ersten oder zweiten Preis erangelt hat. Das Gerät des Könners ist niemals auffällig oder gar protzig. Es ist solide gebaut und entspricht den Wasser- und Fischverhältnissen der jeweiligen Strecke. Selten ist der Könner ein Meister auf allen Sektoren des Angelsportes. Er hat sich auf eine spezielle Fangart beschränkt. Hier aber ist er absoluter Meister und niemand macht ihm da was vor!

Der Anfänger
Man erkennt ihn leicht an seiner funkelnagelneuen Rolle, seiner mitleidheischenden Hilflosigkeit und seinem guten Willen, alles zu tun, um bald kein Neuling mehr zu sein. Wir unterscheiden den theoretischen und den praktischen Angler. Der Praktiker erkämpft sich sein Wissen am Wasser. Er fängt zwar ganz von vorn an, ist aber von einer unbändigen Leidenschaft beseelt und macht deshalb er einmal viel falsch oder ist an den unmöglichsten Stellen des Gewässers zu finden, wo noch nie ein Fisch gebissen hat. Da der Anfänger aber St. Peters besonderer Liebling ist und der Fischwaid erhalten bleiben soll, macht er an diesen unmöglichsten Stellen auch gute Beute. Er schaut den Könnern manches von ihrer Kunst ab und weiß noch nicht, ob er Raubfischer, Spinnfischer, Tippfischer oder alles mitsammen werden soll.
Der Theoretiker
Er sieht den Angelsport als eine Wissenschaft an, die studiert werden muss, wenn man Erfolg haben will. Er gehört zu den Hauptabnehmern der Angellehrbücher und besitzt sämtliche Kataloge der gängigen Angelgerätefabriken. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, dass er die Sportfischerprüfung summa cum laude ablegt. Doch geht es ans Fischwasser, so harren hier zunächst bittere Enttäuschungen. Er muss erkennen, dass sich die Fische einfach nicht nach seinem Lehrbuch richten wollen und dass nur eine Synthese zwischen Theorie und Praxis die besten erfolge zeitigt.
Der Glückspilz
Er genießt hohes Ansehen im Verein, wird aber auch insgeheim beneidet, weil er St. Peters ganz besonderer Liebling ist: Das Wetter kann so ungünstig sein, wie es nur mag, er fängt seine Fische. Wenn ein Vereinswettbewerb um 15 Uhr zu Ende ist, fängt er fünf Minuten vorher den Fisch, der für den ersten Platz reicht. Der Glückspilz kann an den Haken hängen, was er will, die Fische fallen drauf rein: Er fängt mit Blinker Karpfen und auf Pfanni-Knödel Hechte, und wenn er selbst mal versehentlich ins Wasser fällt, ist es an einer seichten Stelle, und anschließend zieht er aus der Rocktasche einen Aal, der sich darin verirrte… Das Geheimnis seines Erfolges wird wohl nie ergründet werden. Vielleicht hängt es mit seiner strahlenden Laune, zusammen oder mit der Zuversicht, mit der er am Wasser seine Leine schwingt. Wer aber möchte sich rühmen, Fortuna als treue Begleiterin für immer gepachtet zu haben? Dies möge sich auch der Glückspilz vor Augen halten. Verscherzt er sich nämlich die Gunst der launischen Göttin, so wird aus ihm über Nacht…
Der Pechvogel
Er kommt in jedem Angelsportverein in mehreren Exemplaren vor. Derjenige Sportkamerad ist es, der bei wunderbarem Beißwetter frühmorgens an ein 30 Kilometer entferntes Wasser radelt, dabei einen Platten fährt und kein Flickzeug mithat oder am Wasser feststellt, dass er unterwegs seine Wurmbüchse verloren hat. Im Winter bricht er im Eis ein und holt sich eine schwere Erkältung. Im Sommer machen ihn die Mücken oder der Heuschnupfen fertig. Immer hat er den falschen Köder mit, und wenn ihm schon einmal ein guter Fisch an die Rute geht, so verwirrt sich die Schnur, löst sich ein Knoten oder bliebt der Fisch an einer Wurzel oder einem Ast hängen. Der Pechvogel hat die größten Ausgaben für seinen Sport, das meiste Interesse, den glühendsten Eifer, die größte Ausdauer und den geringsten Erfolg. Er ist jedoch bescheiden und weiterhin guten Willens. Er springt dem Karpfen nach, der sich endlich einmal an seine Angel verirrt, steigt pudelnass und verlegen lächelnd mit leeren Händen aus den Fluten und stellt dann fest, dass sein Nachbar, der Glückspilz, den Fisch am Haken hat. Er lässt sich von einem erzürnten Bauern wegen einer Wiese zusammenschimpfen, die ein anderer zertreten hat. Mit seinem Haken fängt er sich an jenen Körperteilen, die für ihn sehr schwer erreichbar sind.
Der Wanderer
Er kommt nie ohne fahrbaren Untersatz ans Wasser. Es grenzt oft ans Wunderbare, welche Strecken der Wanderer an einem Nachmittag zurücklegt. Er ist der ewig unruhevolle, der faustische Angler, der – einem dunklen Drang gehorchend – immer das Gefühl hat: Wo du nicht bist, da sind die großen Fische! Leider hat diese ewige Wanderei den Nachteil, dass der Unruhevolle auch Unruhe ans Wasser bringt und vor allem dann störend wirkt, wenn noch andere Fischer am Wasser sind. Der Wanderer hat einen sechsten Sinn dafür, wo eben ein Fisch gefangen wurde, und taucht kurz danach dort garantiert auf und stört die Kreise des glücklichen Fängers so lange, bis ihm Kunde von einem anderen guten Fang zugeht.
Die Fänge des Wanderers sind minimal. Er hat ja so wenige Zeit zum Angeln! Seine Tätigkeit an Wasser beschränkt sich im wesentlichen auf Auspacken, Gerätzusammenstellen, Geräteeinpacken und vor allem Autofahren.
Der sesshafte Fischer
Er ist vor allem in der älteren Generation zu finden. Jeder von diesen in sich ruhenden Senioren hat seine Stammstellen. Hier lässt sich der sesshafte Fischer gemütlich nieder, steckt sich erst mal ein Pfeifchen an, begutachtet in aller Ruhe das Wasser und die Fangaussichten und packt dann langsam seine Angelsachen aus. Nie vergisst er seinen Hocker, auf dem er es sich gemütlich macht, wenn sein Köder schwimmt. Wir treffen diesen Anglertyp nur an ruhigen Stellen unseres Gewässers an, und gerne versucht er sein Glück mit Durchlaufblei. Seine Angelköder sind der dicke Tauwurm oder verschiedene Teigsorten. Lieblingsfische sind Karpfen, Schleien, Aale und Brachsen. Nie werden wir den „Hocker“ beim Spinnfischen antreffen. Für ihn ist diese Angelart viel zu anstrengend. Er ist der Sportfischertyp, der uns in der Öffentlichkeit, bei den Leien den Ruf der „Gedulsheroen“ eingebracht hat. Er ist der Fischer, der es länger aushält als die Fische im Wasser. Man kann sich gut vorstellen, dass die Schuppenträger, wenn sie stundenlang das gleiche Gesicht über sich und den gleichen Köder vor sich sehen, die Geduld verlieren und an den Haken gehen. Denn nur so ist es zu erklären, dass es immer wieder die sesshaften Angler, die „Hocker“ sind, welche die wahrhaft kapitalen Fische – urige Waller, mächtige Hechte, riesige Karpfen – aus ihrem nassen Element holen.
Der Laie und der Fischer
Sie treffen dort zusammen, wo Spazierwege am Wasser entlangführen oder wo Brücken unsere Fischwasser kreuzen. Nun liebt es der Petrijünger nicht – im Gegensatz zu den meisten Sportlern anderer Disziplinen -, bei der Ausübung seines Handwerks gestört zu werden. Taucht ein Zuschauer auf, so wird der Fischer einsilbig. Die obligate Laienfrage: „Na, beißen denn die Fische?“ wird von erfahrenen Petrijüngern gern mit „Wenn sie Zähne haben schon!“ beantwortet. Missmutig starrt er auf seine Pose und wünscht dem Zuschauer ins Pfefferland oder noch weiter weg. Da der Laie erfahrungsgemäß diesem frommen Wunsche nicht nachkommt, verzieht sich der Fischer an Stellen, die normalen Menschen unzugänglich sind.
Vom Laien aus betrachtet, bildet der Fischer die Verkörperung der Geduld in Person. Dies bringt er auch meist zum Ausdruck. Es gibt aber auch Zuschauer, die sich wirklich für den Angelsport interessieren und dem armen Rutenmann ein Loch in den Rucksack fragen. Hier muss der Fischer dann wirklich viel Geduld aufbringen. Denn es wäre verkehrt, wenn er ihm den Rücken kehren würde. Unter Umständen steht in dem Laien neben ihm ein zukünftiger Petrijünger, der später ein Angelkamerad fürs Leben werden kann. Menschen am Wasser!
Sportfischer Magazin „fischwaid“ 8/1982

 

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